Foto: Rüdiger Herzog

Unsere Alleen gestern und heute

Aus dem Französischen stammt der Begriff "allée" und bedeutet Gehbahn. Er taucht zum ersten Mal im Jahr 1536 bei Charles Estienne auf. In Deutschland wurde der Begriff in Verknüpfung mit Bäumen jedoch erst nach dem Dreißigjährigen Krieg verwendet. Besonders im barocken Gesamtkunstwerk spielten Alleen (zunächst in Frankreich) als Rahmung von Sichtachsen eine sehr wesentliche Rolle. Die erste Landschaftsallee außerhalb herrschaftlicher Gärten und Parks entstand in Mitteleuropa in Hellbrunn bei Salzburg zwischen 1612 und 1618.

Außerhalb der Gärten entstanden regionale Alleenlandschaften ab ca. 1750. Sie waren Verbindungswege, gliederten weiträumige Landschaften, dienten als Heerstraßen und boten den Truppen Orientierung und Schutz, den insbesondere Napoleon zu nutzen wusste. Die dicht gepflanzten Bäume dienten aber auch der Verkehrssicherheit, indem sie das Abrutschen der Pferdewagen und Postkutschen in den Straßen- oder Weggraben verhinderten. Schließlich lieferten Obstbaum- und Nussalleen frühzeitig vitaminreichen Wegproviant oder Holz für Gewehre.
Alleenneupflanzungen erfolgten in der freien Landschaft vor allem nach 1840 und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich aus Gründen der Verkehrssicherheit sowie wegen der Landesverschönerung. Der Alleenbestand hielt sich trotz des Ersten und Zweiten Weltkrieges einigermaßen stabil. Im Westen Deutschlands wurden dann seit 1956/57 die Alleen im Zuge des Straßenausbaus gefällt; mindestens 12.500 km Baumreihe bis Anfang der 1970er Jahre fielen der Motorsäge zum Opfer. Im Osten blieben die alten Alleen weitgehend erhalten; nennenswerte Neuanpflanzungen erfolgten jedoch auch hier erst nach 1990.

Alleen sind wie kaum ein anderes Gut mit Europa verbunden. Sie sind in Mitteleuropa seit mindestens fünf Jahrhunderten nachweisbar und somit auch in Deutschland ein wertvolles Kultur- und Naturgut in der Landschaft, in Städten und Gärten. Sie zeugen von der Landesgeschichte, entfalten Wohlfahrtswirkung und sind zu einem Faktor des Tourismus geworden. Ihr ökologischer Wert für die Umwelt wie auch für Heimatkunde und Erholung werden zunehmend erkannt.

In ausgeräumten Agrarlandschaften vernetzen Alleen und Baumreihen Biotope und sind selbst Lebensraum seltener Pflanzen- und Tierarten. Darüber hinaus sind sie ökologisch bedeutsam als Staub- und Abgasfilter oder als Sauerstoffproduzent. Beispielsweise können Straßenalleen im belaubten Zustand bis zu 70 % der Feinstäube und bis zu 60 % im Winter herausfiltern. Je nach Alter und Baumart kann ein Alleebaum bis zu einer Tonne Staub pro Jahr aus der Luft ausfiltern und an einem Tag werden von einer 100jährigen vitalen Buche mit einer Blattfläche von 1600 m2 durch Photosynthese 1,7 kg Sauerstoff pro Stunde erzeugt. Pro Jahr erzeugt diese Buche den Sauerstoff für 10 Menschen.

In den letzten drei Jahrzehnten machen engagierte Bürger/innen durch Verbände und Vereine, Forschungsinstitutionen sowie zuständige Fachämter auf die starke Gefährdung der Alleen aufmerksam. Die erstmalige Aufnahme der Alleen und einseitigen Baumreihen bei den geschützten Landschaftsbestandteilen in § 29 des neuen Bundesnaturschutzgesetzes zeigt dies. Die Alleen in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen sind streng gesetzlich geschützt. Verkehrs- und Alleenkonzepte wurden oder werden dort erarbeitet und zum Teil bereits umgesetzt. Ziel ist es, möglichst viele Alleen neu anzupflanzen und dauerhaft zu pflegen, um den rapiden Rückgang den die alten Bestände in den nächsten 25-50 Jahren hinnehmen müssen, aufzufangen.

Alleen sind heute stark gefährdet, vor allem durch Verletzungen im Kronen- und Wurzelbereich (straßen- und ackerseitig), durch vielfältige Standortveränderungen (insbesondere durch Streusalz) oder schlichtweg durch das hohe Alter.

Noch ziehen sich ca. 23.200 Kilometer "grüner Tunnel" durch die Kulturlandschaft Deutschlands, davon allein ca. 18.000 km in den neuen Bundesländern. Besonders in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt sind Alleen landschaftstypisch und repräsentieren auf eindrucksvolle Weise den Bestand deutscher Alleen. Darunter sind seltene Relikte alter Alleen aus Blutbuche, Flatterulme, Speierling, Schwarznuss, Walnuss, Elsbeere, Maulbeere, Hainbuche, Kiefer und Lärche. Aber auch noch knorrige Obstbaumalleen.

Viele Beispiele zeigen, dass Alleenschutz und Verkehrssicherheit an Straßen und Wegen vereinbar sind. Allerdings erfordert Alleenschutz auch zukünftig ein Engagement durch die breite Öffentlichkeit und die Unterstützung durch ein politisches Einvernehmen.

Die Alleenschutzgemeinschaft e.V. (ASG) versteht sich als Anwältin für Schutz und Pflege unserer heimischen Alleen.

Silke Friemel / Ingo Lehmann




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